Leitgedanken

1. Alltagsorientierung

Unsere Einrichtungen sind durch ihre möglichst dichte Einbettung in normale Wohngebiete auf eine starke Orientierung an der Umwelt ausgerichtet. Die Kinder und Jugendlichen werden bewusst den häufig für alle Beteiligten belastenden Auseinandersetzungen mit den geltenden Normen und Verhaltenserwartungen ausgesetzt (z.B. durch den Besuch von Regelschulen).

Andererseits berücksichtigen wir auch das Bedürfnis der Kinder und Jugendlichen nach einem geschützten Raum, in dem die Möglichkeit zur Regression gegeben sein muss. So wird das Recht auf eigene Wünsche und auch Fehler gewährleistet, ohne dass sich die schon vorhandene Stigmatisierung verstärkt.

Innerhalb dieses Spannungsfeldes gilt es immer wieder neu auszuhandeln, was in einem bestimmten Entwicklungsstadium dem einzelnen Kind und seinen jeweiligen Auseinandersetzungspartnern zugetraut und abverlangt werden kann.

Insofern erfüllen wir den Auftrag der öffentlichen Erziehung auch tatsächlich inmitten der realen Öffentlichkeit (und nicht fernab von alltäglichen gesellschaftlichen Zusammenhängen) und halten es auch für angemessen, die Kinder und Jugendlichen an und in dieser Öffentlichkeit lernen zu lassen.

2. Familienähnlich – Familienunähnlich – Familienersetzend

Die von uns praktizierte Form der Ersatzerziehung wird in der Fachliteratur oft als familienähnlich bezeichnet. Wenn wir diesen Begriff verwenden, meinen wir damit eine Kleingruppe mit großer Beziehungsdichte und einem hohen Maß an Sicherheit für jedes einzelne Mitglied. Innerhalb einer solchen Kleingruppe besteht die Möglichkeit, individuell auf Stärken und Schwächen des einzelnen Kindes bzw. Jugendlichen einzugehen.

Dies stellt hohe Anforderungen an Engagement, fachliche und emotionale Kompetenz der PädagogInnen. Wir bemühen uns, dabei nicht in emotionale Konkurrenz zu den Eltern zu treten, ohne jedoch unsere emotionale Beteiligung zu verleugnen.

Auch müssen wir uns ständig darüber im Klaren sein, dass wir die mit den Eltern assoziierten affektiven Bedürfnisse nur teilweise erfüllen können.

3. Mädchenarbeit - Jungenarbeit

Das Wissen um die unterschiedlichen Auswirkungen weiblicher und männlicher Sozialisation und die daraus resultierende Erkenntnis, dass kein pädagogisches Konzept Mädchen und Jungen gleichermaßen erreichen kann, fließen ein in unsere pädagogischen Überlegungen und Diskussionen.

Wir versuchen dem Auftrag des Sozialgesetzbuches "...Benachteiligungen abzubauen und die Gleichberechtigung von Mädchen und Jungen zu fördern" (SGB VIII § 9,3 {KJHG}) Rechnung zu tragen in der regelmäßigen Reflexion von Erziehungszielen auch unter mädchen- und jungenspezifischen Gesichtspunkten. Die praktische Umsetzung von parteilicher Mädchenarbeit gehört dazu ebenso wie die Reflexion althergebrachter Rollenbilder und die Auseinandersetzung mit Ansätzen zu antisexistischer Jungenarbeit.

Der Vorbildfunktion der weiblichen und männlichen KollegInnen kommt hierbei eine besondere Bedeutung zu und ist immer wieder Gegenstand der Betrachtung.

4. Selbständigkeit und Eigenverantwortlichkeit der pädagogischen MitarbeiterInnen

Die pädagogischen MitarbeiterInnen der Jugendheim Marbach GmbH können weitestgehend selbstständig und eigenverantwortlich in Absprache mit ihren KollegInnen handeln. Dies hat vielfältige Auswirkungen auf das Zusammenleben in den Kinderhäusern bzw. anderen Einrichtungen. Eine der wichtigsten besteht unserer Ansicht nach in der Vorbildfunktion, die die MitarbeiterInnen für die ihnen anvertrauten Kinder und Jugendlichen haben. Nur selbstständig und eigenverantwortlich handelnde Menschen können unserer Ansicht nach Kinder zu Selbstständigkeit und Eigenverantwortlichkeit und damit auch zur Mündigkeit erziehen.